Kommentar

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Ein weißes Pferd und sein Reiter

Nicht nur die Leser des Christusstaat wissen es, auch die Bezieher der Main-Post konnten es in ihrer Zeitung erfahren: Das Zentralorgan des Universellen Lebens hat seinen Namen geändert und trägt jetzt den Titel "Das Weiße Pferd". Das ist sicher nicht gerade eine gängige Bezeichnung für eine Zeitung, ungewöhnlich selbst für UL-Verhältnisse. Daß der Name erklärungsbedürftig ist, hat offensichtlich auch die Redaktion des Ex-Christusstaat erkannt, und erlärt in jeder Ausgabe unterhalb des Zeitungstitels: "In der Johannes-Apokalypse der Bibel erscheint ein weißes Pferd, auf dem das Wort Gottes in der großen Zeit des Umbruchs in die Welt kommt."

Um diesen Sachverhalt bewerten zu können ist es sinnvoll, zunächst die Bezugstelle in der Offenbarung (Apokalypse) des Johannes zu betrachten. Der im Bibellesen Ungeübte möge die Geduld aufbringen, den sehr symbolgeladenen Text zu studieren und auf sich wirken zu lassen:

Und ich [der Apostel Johannes] sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und streitet mit Gerechtigkeit. Seine Augen sind wie eine Feuerflamme und auf seinem Haupt viele Kronen; und er hatte einen Namen geschrieben, den niemand wußte denn er selbst. Und er war angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprengt war, und sein Name heißt "das Wort Gottes". Und ihm folgte nach das Heer im Himmel auf weißen Pferden, angetan mit weißer und reiner Leinwand. Und aus seinem Munde ging ein scharfes Schwert, daß er damit die Heiden schlüge; und er wird sie regieren mit eisernem Stabe; und er tritt die Kelter des Weins des grimmigen Zornes Gottes, des Allmächtigen. Und er hat einen Namen geschrieben auf seinem Kleid und auf seiner Hüfte also: Ein König aller Könige und ein Herr aller Herren.

[...] Und ich sah das Tier [den Antichristen] und die Könige auf Erden und ihre Heere versammelt, Streit zu halten mit dem, der auf dem Pferde saß, und mit seinem Heer. Und das Tier ward gegriffen und mit ihm der falsche Prophet, der die Zeichen tat vor ihm, durch welche er verführte, die das Malzeichen des Tiers nahmen und die das Bild des Tieres anbeteten; lebendig wurden diese beiden in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte. Und die andern wurden erwürgt mit dem Schwert des, der auf dem Pferde saß, das aus seinem Munde ging [...] (Offb 19,11-16.19-21a)

Der Text dürfte vermutlich für viele Leser einige Überraschungen bieten. Die Bezeichnung Wort Gottes meint hier nicht das Evangelium, auch ganz bestimmt nicht die "Offenbarungen" von Gabriele Wittek, sondern steht für Jesus Christus selbst (vgl. Joh 1,1-14), und zwar für einen Jesus, wie man ihn sich gemeinhin nicht vorstellt. Er ist nicht mehr der leidende Gottesknecht, der den Menschen die Buße predigt, sondern er hat seine Königsherrschaft angetreten und kommt, um seine Gegner, zusammengeballt in einem Weltstaat mit einem riesigen Heer und angeführt von einer unheiligen Dreifaltigkeit, zu richten und mit ihnen Krieg zu führen. Ihr Ende ist unausweichlich der Tod und der Aufenthalt in der Hölle.

Für jemanden, der (an) die Lehre des Universellen Lebens glaubt, ist der Text mehr als problematisch, schließlich hat er doch gelernt, daß Gott ein Gott der Liebe ist, der seine Kinder niemals bestrafen, oder gar an einen Ort ewigen Feuers verbannen würde. Was er übersehen hat, ist folgendes: Selbstverständlich ist Gott die Liebe in Person. Eben jener Johannes, der die Offenbarung niederschrieb, bezeugt dies in seinem ersten Brief (vgl. 1. Joh 4,7-10). Trotzdem kennt er ebenso den Zorn des Lammes (vgl. Offb 6,16), der zunächst in sich widersprüchlich klingt, aber tatsächlich zwei Aussagen beinhaltet, die sich gegenseitig ergänzen. Weil Gott das Unrecht haßt, und als König stets auch oberster Richter ist, muß seine Geduld (die fast schon sechstausend Jahre währte) irgendwann einmal zu Ende sein, und er muß Recht sprechen. Dieses Konzept klingt für Menschen, die in einem Staat mit Gewaltenteilung leben, ungewohnt. Für den Menschen der Antike war es selbstverständlich. Daß Gott, der Allherrscher, die Sühne von vergehen auf ein Karmaprinzip als eine Art von Gerichtsmaschine übertragen könnte, hätten sie niemals verstanden.

Um diese Konsequenzen zu vermeiden, konnten die Macher des "Weißen Pferdes" auch nicht anders, als die Begriffe aus dem Zusammenhang zu reißen und zu hoffen, daß sich niemand die Mühe macht, die Bibel zur Hand zu nehmen und nachzuschlagen. (Dies sollte natürlich ein besonderer Ansporn sein, es doch zu tun.) Das zeugt von einem Umgang mit der Schrift, den man als unseriös und, wenn man andere Fälle mit in betracht zieht, sogar als schamlos bezeichnen muß. Zumindest ist jetzt klargestellt, daß dies nicht unbemerkt geblieben ist. Die zwangsläufige Forderung ist: Die Auslegung der Heiligen Schrift muß den bibeltreuen Christen überlassen bleiben und darf nicht von Leuten mißbraucht werden, die sich ohnehin schon längst ihr eigenes "Evangelium" zurechtgeschustert haben.