Dr. Mirbachs Clinch

14 Das "Universelle Leben"
und seine Kritiker - Der Prozeß

Freitag, 10. 12. 1993: In der ARD wird eine Sendung des Hessischen Rundfunks ausgestrahlt. Zwei Redakteure, Kamil Taylan und Andrea Bremer, haben dafür monatelang recherchiert, unzählige Stunden Filmmaterial gedreht, um schließlich eine Dreiviertelstunde lang berichten zu können. Der Film interessiert sich vor allem dafür, die gesellschaftliche Bedrohung, die vom UL ausgeht, herauszustreichen. Drei Hauptpunkte sollen dies illustrieren: Einmal der Umgang mit Kritikern. Das UL bedient sich häufig juristischer Maßnahmen, um Kritik zum Verstummen zu bringen. Es ergreift rechtliche Schritte gegen engagierte Bürger wie HansWalter Jungen in Hettstadt und Thomas Müller in Michelrieth mit ihren Initiativen betroffener Bürger gegen die Durchsetzung ihrer Dörfer mit UL-Anhängern und die damit verbundene Zerstörung der Dorfstruktur durch das UL. Die UL-Juristen gehen gegen kritische Journalisten vor. Diese werden von UL-Anhängern vom "sekteneigenen Sicherheitsdienst"(1) verfolgt und am Filmen, aber auch an Interviews und Gesprächen gehindert. Auch - das wird im Film allerdings nicht erwähnt - der bayerische evangelische Sektenbeauftragte Wolfgang Behnk sieht sich Klageschriften und Anträgen des UL gegenüber.

Da das UL vor juristischen Schritten nicht zurückscheut, muß ich damit rechnen, daß es auch vor mir nicht haltmacht. Spätestens seit einem Vortrag im Juni 1992 in Würzburg, bei dem ich dem UL die Christlichkeit abgesprochen und begründet dargelegt habe, warum die Glaubenslehre des UL für mich ein Gemenge aus Versatzstücken verschiedenster Religionen und Weltanschaungen ist, weiß ich: Das UL beobachtet mich. Erst schreibt es mir einen anonymen elfseitigen(!) Brief, den es wortwörtlich in seinem "Christusstaat" abdruckt. (2) Mir als einem "29jährigen Abiturienten..., der sich schnell einen Namen machen und viel Geld verdienen möchte", widmet das UL einen halben Christusstaat (4 Zeitungsseiten). Es ergeht sich in diffusen Vorhersagen: "Die Doktorhüte der Katholiken und Protestanten (werden) bald Dornenkronen sein..."(4). Das UL versucht, mich als Kritiker auch dadurch herabzuwürdigen, indem es meine Tätigkeit für wirkungsarm erklärt: "Zu derselben Stunde, da Sie 150 Leutchen aufklären wollten gegen das Werk des Herrn, ging die Wahrheit, Gott, zu Millionen von Menschen." (5). Die lntellektfeindlichkeit des UL bricht sich Bahn: "Christus hatte keinen Doktorhut nötig, denn Er selbst war als Jesus von Nazareth ein einfacher Mann, ein Zimmermann, der den Willen des Vaters tat und der keinen Titel benötigte..."(6). Zwangsläufig zieht das UL das Fazit: "Schuldig macht sich der, der sich einen Doktorhut erwerben möchte, indem er versucht, das Werk des wahren Herrn durch das Mahlwerk der Institutionen zu ziehen, durch deren Schmutz, der schon bis zum Himmel riecht."(7).

Gleichzeitig versucht das UL, auf die Theologische Fakultät in Erlangen, wo gerade mein Promotionsverfahren läufl, Druck auszuüben. Niemand vom UL kennt meine Dissertation. Das hindert aber einen dem UL anhängenden Professor nicht daran, dem Erstgutachter meiner Arbeit ausführlich darzulegen, warum die - ihm unbekannte - Promotionsschrift nicht den wissenschaftlichen Kriterien für den Erwerb des Doktorgrades genügen kann. (8) Alfred Schulte, damals Pressesprecher des UL, sendet den erwähnten anonymen Brief an den Erstgutachter meiner Dissertation. Er sichert diesem zu, diesen Brief - wenn überhaupt - nur gekürzt und kommentiert "im Christusstaat" zu veröffentlichen. Dennoch erscheint er - wie gesagt - in voller Länge... (9)

Einzig Dieter Potzel, ein ehemaliger evangelischer Pfarrer, der Anfang 1992 zum UL übergetreten ist, versucht, sich inhaltlich auseinanderzusetzen. Leider bleibt es beim Versuch, denn auch Dieter Potzel steckt offenbar schon zu tief in der ausschließlichen Heilslehre des UL. Und ich frage mich, ob ich seinen Schlußsatz vielleicht schon als Drohung zu betrachten habe: "Sie wissen ja, Sie müssen sich mit allem, was Sie sagen, verantworten und die Konsequenzen tragen."?(10)

Fortan ist mir die Aufmerksamkeit des UL sicher. Anhänger des UL besuchen meine Vorträge, sitzen entweder still dabei, hören zu und machen sich Notizen. Oder sie versuchen, durch gezielte Fragen, Störungen oder Koreferate die Veranstaltung zu behindern oder lahmzulegen. Für kurze Zeit scheint dann die Direktive zu gelten, an UL-kritischen Vermutungen nicht mehr teilzunehmen. Aber wenig später nimmt das U L mit bis dahin nicht gekannter Aggressivität seine Arbeit wieder auf. Darin vermute ich einen Zusammenhang mit dem UL-Eintritt des Rechtsanwalts Christian Sailer.

25. Januar 1994: Ich halte einen Vortrag in einer Würzburger Kirchengemeinde. Der Saal ist gut gefüllt, schätzungsweise 150 Zuhörer.. Ich komme ziemlich spät, weil auch die UL-An-hänger meist recht spät ihre Plätze einnehmen und ich so besser sehen kann wer von seiten des UL an der Veranstaltung teilnimmt, sich Notizen macht und eventuell versuchen wird, die Diskussion an sich zu reißen. Das UL teilt, wie es mittlerweile üblich geworden ist, am Eingang Flugblätter gegen mich und diese Veranstaltung aus. In den hinteren Reihen erkenne ich UL-Anhänger, teils weil ich sie schon bei Vorträgen oder an Marktständen gesehen habe, teils weil sie im typischen UL-Look gekleidet sind: Die Frauen in hellen, pastellfarbenen, schwingenden Kleidern, die Männer mit Rolli und Sakko.

Nach dem Vortrag kommt es zur Diskussion, in der es ziemlich unruhig wird. Der Fernsehbeitrag des Hessischen Rundfunks hat die Gemüter ziemlich bewegt. Die Stimmung ist noch erregter als sonst bei Vorträgen üblich. Es dreht sich viel um Fragen aus dem Lebensumfeld, z. B. um ungeklärte Besitzverhältnisse einer Bäckerei im Stadtteil. Früher war sie klar erkennbar eine UL-Bäckerei, aber beute? Anwohner der Bäckerei sagen, daß diese immer noch vom UL beliefert wird. Was soll man daraus schließen? Ziemlich viel geht durchinander. Die Emotionen wogen hoch.

28. Januar 1994: Die UL-Anwälte Sailer und Hetzel haben mir einen schwer verständlichen Brief geschrieben. Einerseits soll ich ihnen mitteilen, ob ich drei bestimmte Äußerungen beim Vortrag am 25. l. getätigt habe. Andererseits gehen Sailer und Hetzel bereits fest davon aus, daß ich diese Äußerungen getan habe, denn ich soll "bei Meidung einer Vertragsstrafe für jeden Fall der Zuwiderhandlung in Höhe von DM 5000" unterlassen zu behaupten, ( 1 ) daß im UL die Kinder kurz nach der Geburt den Eltern weggenommen würden, (2) daß im UL Antisemitismus betrieben werde, (3) daß die Einnahmen der Christusbetriebe i.w. Walter Hofmann und Harald Dohle zuflössen. (11)

30. Januar 1994: Die drängendsten Punkte kann ich klären. Der Münchner Anwalt Habdank, erfahren in der Auseinandersetzung mit dem UL, empfiehlt mir seinen Kollegen Heidenreich in Würzburg, der schon Erfahrungen mit dem UL gesammelt hat und der mir weiterhilft. Die evangelische Landeskirche signalisiert, daß ihr Rechtsschutz in Kraft tritt. Wichtig, wenn ich bedenke, wieviel aufrechte Streiter wie Hans-Walter Jungen und Thomas Müller, aber auch Bürgermeister Waldemar Zorn von Hettstadt schon aus der Privatschatulle zulegen mußten.

l. März 1994. Das UL stellt Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung beim LG Würzburg. Diesmal wird "Ordnungsgeld bis zu DM 500000.-" für jeden Fall der Zuwiderhandlung" (12) beantragt. Nachgeschoben wird, daß ich behauptet haben soll, die Christusbetriebe würden keine Sozialleistungen abführen. Vom Antisemitismus keine Rede mehr. Schließlich kann es diesen Vorwurf nicht mehr aus der Welt schaffen, denn der ist zum damaligen Zeitpunkt schwarz auf weiß belegt. (13)

13. April 1994: Verhandlung am Nachmittag. Ich haste von einer Examensprüfung zum Gericht. Doch die Verhandlung endet wie das Hornberger Schießen: Das Gericht vertagt sich.

5. Mai 1994. Sailer versucht nachzulegen. Ich soll von "gefährlichen Machenschaften" in der Führungsspitze des UL gesprochen haben. Um dies alles nachprüfen zu können, soll ich Sailer Tonbänder zur Verfügung stellen, - seit Februar 1994 lasse ich Tonbänder bei meinen Vorträgen mitlaufen, um gesichert nachprüfen zu könnenn, was ich gesagt habe. Ich reagiere nicht, und Sailer kommt auf seine Forderung auch nicht mehr zurück.

20.Juli 1994. Endlich kommt es zur Verhandlung. Nach einleitenden formalen Fragen präsentiert das UL seinen Hauptzeugen. Im Verlauf der Verhandlung wundere ich mich immer mehr, auf welchen Treibsand das UL seine Beschuldigungen aufbaut. Ich sehe meinen Eindruck, daß es hier nicht um Recht, sondern um Einschüchterung von Kritikern geht, endgültig bestätigt. Hat sich doch der Zeuge beim Vortrag im Januar angeblich Notizen gemacht, die er später vernichtete.

Ex-Pfarrer Potzel will er dann das Protokoll diktiert haben, aus dem Sailer schließlich eine eidesstattliche Versicherung fertigt. Das Blatt hat sich gewendet: Die Kinder würden gleich nach der Geburt den Eltern weggenommenn, soll ich nun selbst nach Ansicht des UL-Zeugen nicht - auch nicht mit anderen Worten - behauptet haben. Aussagen von mir bezüglich der Sozialleistungen will der UL-Zeuge jedoch trotz der Unruhe im Saal deutlich vernommen haben. Ergänzend bzw. widersprüchlich bemerkt er, daß gar keine Unruhe im Saal gewesen sei.

Sailer versucht, die Fragen eines Richters dadurch zurückzuweisen. daß dieser evangelisch und damit voreingenommen sei. Jedenfalls kommt der evangelische Richter zu dem Schluß: Der UL-Zeuge ist wenig glaubwürdig. Das Landesgericht Würzburg weist den Antrag des UL zurück.

2. September 1994. Das UL hat Berufung zum Oberlandesgericht Bamberg eingelegt. Der Begründung geht eine "Vorbemerkung" voraus, in der Sailer und Hetzel behaupten: "In Rechtsstreitigkeiten... machten die Urchristen im Universellen Leben in den letzten Monaten.. . vermehrt die Erfahrung, daß ihre Unterlassungsklagen... aus Gründen abgelehnt wurden, die Zweifel an der Unbefangenheit der Richter aufkommen lassen." Es gipfelt in der Forderung: "Wir Kläger fordern deshalb, daß über ihre Klagen... Richter entscheiden, die innerlich unabhängig und wirklich neutral, also weder katholisch noch evangelisch sind." (14) Im September werden in Würzburg vor dem Landgericht entsprechende Flugblätter verteilt, auf denen die Richter als Handlanger für die ungerechte Sache der Kirchen dargestellt werden. Sie gingen der Wahrheit aus dem Weg, verkündeten Unrecht im Namen des Volkes. (15) Damit kann sich das UL als Opfer des "Dämonenstaats" fühlen, weil hier erneut "Recht vor Gerechtigkeit" (16) ergangen ist.

Unbeschadet der Angriffe des UL wird sein Antrag auch in der Berufungsverhandlung abgewiesen.

Ich möchte auf einige Einzelheiten des Verfahrens hinweisen, weil ich sie als charakteristisch für das Vorgehen des UL ansehe:

1. Mir ist klar geworden, daß das UL seine Rechtsanwälte gezielt zur Einschüchterung mißliebiger Personen einsetzt.

2. Gerade Privatpersonen können durch das Vorgehen des UL sehr leicht eingeschüchtert werden. Wo erst einmal bekannt ist, daß mit dem UL nicht gut Kirschen essen ist, beißen sich die Leute oft eher die Zunge ab, als daß sie in der Öffentlichkeit UL-kritische Äußerungen machen. Denn für den Durchschnittsbürger bedeutet ein Prozeß nicht nur Zeit und Nerven, sondern auch ein hohes finanzielles Risiko. Kein Wunder also, daß viele Leute gegen das UL nur im privaten Kreis Stellung beziehen. Kein Wunder auch, daß viele sich nicht vor die Kamera trauen - aus Angst, das UL könnte ihnen etwas am Zeug flicken, sie belangen oder bedrohen. Unsere freiheitliche Rechtsordnung, die zum Schutz der Schwachen und Benachteiligten ausgelegt sein sollte, kehrt sich in ihr Gegenteil, wenn sie die Schwachen und Unkundigen schutzlos den Drohungen des UL und seiner Advokaten überläßt.

3. Umso wichtiger sind mir die Erkenntnisse, die ich aus dem Prozeß gewonnen habe und die sich immer wieder bestätigen: Es ist wichtig, keinen Handbreit vor dem UL zurückzuweichen und nicht einmal den kleinen Finger anzubieten. Das UL würde gleich die ganze Hand ergreifen, jedes Anzeichen von Kompromißbereitschaft als Schwäche ansehen und bedenkenlos ausnützen, um das in seinen Medien entsprechend groß herausbringen. Doch wer wie ich einmal dazu gebracht worden ist, sich mit dem UL gerichtlich auseinanderzusetzen, stellt fest, daß er gute Karten und Chancen hat. Dies liegt nicht daran, daß die Richter dem UL gegenüber parteilich und voreingenommen wären, sondern daran, daß die Richter nach den Maßstäben eines vielfältigen pluralistischen Staates entscheiden, während das Weltbild des UL einlinig auf die "Offenbarungen" Frau Witteks ausgerichtet ist. So gilt für das UL die "Offenbarung" als Maßstab, an dem auch die Justiz zu messen ist. Daher erscheint die Justiz für das UL als voreingenommen, als nicht neutral und nicht objektiv. (17) Auch die Justiz füge sich in den Dämonenstaat ein, von dem das UL feststellt: "Viele dieser Helfershelfer (der Dämonen, d. V.) sitzen in den obersten Rängen des irdischen Staates, der kirchlichen Institutionen, der Wissenschaft, der Wirtschaft und in den sogenannten Großkonzernen." (18) Wäre die Justiz wirklich unvoreingenommen, dann entspräche ihre Rechtsprechung exakt den Vorstellungen des UL. So aber muß das UL etwas erleben, was es sich nur dadurch erklären kann, daß der lange Arm der Dämonen und der Kirchen sowohl die Medien im Würgegriff als auch die Justiz in seiner Abhängigkeit hält.

Gegen dieses Verständnis sollte sich ein mündiger Staatsbürger zur Wehr setzen. Denn das Interesse an Meinungsfreiheit und Rechtsstaat macht es zur Aufgabe jedes einzelnen, solchen totalitären Tendenzen des UL zu widerstehen. Umso bedrückender ist es letztlich, daß sich Staat und öffentliche Einrichtungen um diese Problematik bislang zu wenig kümmern.-

1 Wörtliche Formulierung im Film "Das Seelenkartell"
2 Das Anschreiben zu diesem Brief, datiert vom 12. Juni 1992, ist vom damaligen UL- Pressesprecher Alfred Schulte unterzeichnet. Der offene Brief selbst trägt keinen Absender und is mit "Ein praktizierender Christ der Zehn Gebote und der Bergpredigt unterzeichnet. Er ist im Christusstaat 12/92 (alse der zweiten Juniausgabe) veröffentlicht worden.
3 "Offener Brief",6
4 Ebd., 5- Archiv des Verfassers
5 Ebd., 6
6 Ebd., 5
7 Ebd., 11
8 Brief von Klaus Meurer an den Erstgutachter vom 25.6. 1992
9 Brief von Alfred Schulte andem Erstgutachter vom 24.6.1992 - Ich habe berechtigte Zweifel. ob die Zusage von Schulte überhaupt ernst gemeint gewesen sein kann. Denn bei einer alle 14 Tage erscheinenden Zeitschrift dürfte die zweite Juniausgabe am 24.6. doch schon gedruckt sein.
10 Brief vom Dieter Potzel vom 20.5.1992 - Potzel bezog sich auf ein Interview das ich epd/ Würzburg gegeben hatte.
11 Brief von Sailer und Hetzel vom 27. 1. 1994
12 Sailer und Hetzel, Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung vom 1. 3. 1994
13 Vgl. Christusstaat, Sonderausgabe 9, 91. Näheres bei Behnk, Abschied, 42 f.
14 Schriftsatz Sailer/Hetzel vom 1.9. 1994 an das OLG Bamberg, 3
15 Flugblatt "Selbstentlarvung" vom 12.9.1994
16 Dämonenstaat, 69
17 Flugblatt "Selbstentlarvung" vom 12.9.1994;Flugblatt "Am Weihnachtsbaume", abgedruckt als Dok. 28 bei Behnk, Abschied, 91
18 Dämonenstaat, 14

Quelle:
Wolfram Mirbach:
>>Universelles Leben<<Die einzig wahren Christen? Eine Neureligion zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Verlag Herder.